Alt vs. Neu


Egal wo man hinsieht, man begegnet an jeder Ecke Leuten, die davon besessen sind, alles “neu” zu machen. Ich habe schon einmal über Veränderung gesprochen, doch das Thema hält mich nach wie vor fest in seinem Griff und beschäftigt mich. Wie erwähnt bin ich üblicherweise ein großer Fan von Veränderungen. Ich liebe Verbesserung, doch für mich gab es immer einen Unterschied zwischen “besser” und “neuer”.

Befasst man sich mit dem Thema Musik, so wird man mit der Tatsache konfrontiert, dass sich nun schon seit Jahren niemand für Michael Jackson interessiert. Ironischerweise gelang es ihm durch seinen Abgang wieder in aller Munde zu sein. Obwohl er derzeit wieder ein heißeres Thema ist als er es in den letzten 5 Jahren (zusammen) gewesen war, werden neue Künstler bis in die Unendlichkeit gelobt. Lady Gaga wurde nun schon häufiger als “erfolgreichste Pop-Künstlerin unserer Zeit” bezeichnet und das, obwohl sie vor 6 Monaten noch niemand kannte. Oder von mir aus vor 9 Monaten.

Vor einem Jahr wurde Katy Perry als “die neue Madonna” bezeichnet. Um ehrlich zu sein habe ich seitdem nicht mehr allzu viel von Katy Perry gehört (gut, fairerweise muss ich zugeben, dass ich auch nicht allzu viel von Madonna gehört habe). Möglicherweise werden neue Künstler nur unendlich in den Medien aufgebaut, damit ihr anschließender Fall besser breit getreten werden kann (siehe Amy Winehouse), was noch mehr “Top Stories” garantiert, die in schlechten Magazien abgedruckt werden.

Vor 15 Jahren sah das alles noch ein wenig anders aus. Ich gehe mal davon aus, dass dir die Band Nirvana etwas sagt. Einige gingen so weit, zu behaupten, die Musikgeschichte müsste nun auf alle Ewigkeit in die “Vor-Nirvana-Ära” und die “Nach-Nirvana-Ära” aufgeteilt werden. Zwar streite ich nicht ab, dass Nirvana einen riesigen Einfluss hatte und unbestritten die Band war, die den Zeitgeist am besten widerspiegelte, allerdings kann man dasselbe über Bob Dylan, Elvis Presley, Madonna oder Michael Jackson sagen. Doch ich schweife ab, denn mein eigentlicher Punkt ist, dass ich extrem überrascht bin, dass es auf Facebook mehr Foo Fighters als Nirvana Fans gibt. Ich mag beide Bands, doch ich glaube, dass Nirvana sehr viel einflussreicher war als es die Foo Fighters je sein werden und ich bezweifle, dass die Foo Fighters jemals ein Album veröffentlichen werden, das auch nur ansatzweise den Hype erreichen kann, der Nevermind anlastete.

Hat man Nirvana vergessen, nur weil es die Band nicht mehr gibt? Zwar erscheint die Antwort offensichtlich, trotzdem finde ich sie faszinierend. Übrigens erreichte der meistgespielte Song der 90er, “Smells Like Teen Spirit”, weder die Nummer 1 Chart-Position in den USA, in Großbritannien, in Deutschland oder in irgendeinem anderen Land, das in der Musikwelt halbwegs wichtig ist. Heutzutage bringt eine junge Künstlerin eine Single wie “Pokerface” raus, die in 3 oder mehr Ländern gleichzeitig die Charts stürmt und sie ist automatisch die “erfolgreichste Pop-Künstlerin unserer Zeit”.

Versteht mich nicht falsch, ich höre mir auch schon mal die Songs von Lady Gaga an. Jedoch wundere ich mich, warum sich die Perspektive so dramtisch verschoben hat. Es gab Zeiten, in denen war es wichtiger, als einflussreich, erfolgreich oder mit einem Wort eben “wichtiger” als jeder andere Künstler bezeichnet zu werden; heute dreht sich alles nur noch um Chartpositionen.

Dieser Trend beschränkt sich nicht auf die Musikindustrie (zugegebenermaßen fällt es allerdings extrem einfach mit Millionen von Beispielen aufzukommen, wenn man sich mit diesem Bereich befasst); auch in jedem anderen Bereich kann man beobachten, wie sich Leute von Veränderungen verrückt machen lassen. Eine der interessanteren Stories dieser Woche war die Namensänderung von Chicagos Sears Tower in Willis Tower. Das “ikonische Gebäude” wird als Teil eines Deals mit einem britischen Investor umbenannt werden. Amerikaner, bzw. Chicagoer regen sich über diese Veränderung auf, da sie behaupten, der Sears Tower und Chicago würden allein schon “historisch bedingt” untrennbar miteinander verbunden sein. Eine “historische Bindung” entsteht in amerikanischen Verhältnissen in 30 Jahren (hier gibt’s noch ein paar weitere Infos dazu). Aha.

Es ist beruhigend mitanzusehen, dass nicht alle Leute automatisch davon ausgehen, neuer würde gleichzeitig auch besser bedeuten (und dass es einige Leute gibt, die einen lächerlichen Maßstab haben, wenn es um die Bezeichnung “historisch” geht.

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  1. #1 by Blaine on 14 May 2011 - 2:17

    Yes, you are right. Newer doesn’t always mean better. I like the way you take the music industry as example for this changing. Because I also think that this field always changes rapidly. It becomes a new trend for people these days. I like your post.

(will not be published)